Stadtteilpark Lankow

Chronik eines historischen Bürgerentscheids

5.698 Unterschriften
92,9% Ja-Stimmen
43,6% Wahlbeteiligung
1. Bürgerentscheid

Der Kampf um einen Stadtteilpark

Im Sommer 2025 begann in Schwerin ein bemerkenswerter Kampf: Eine Bürgerinitiative wehrte sich gegen den geplanten Verkauf und die Bebauung des 4.800 m² großen Stadtteilparks mit Spielplatz an der Kieler Straße in Lankow. Was folgte, war Schwerins erster Bürgerentscheid überhaupt – eine demokratische Kraftprobe, die mit Skandalen, juristischen Kontroversen und einem historischen Ergebnis in die Stadtgeschichte einging.

Der Park ist für viele Lankower mehr als nur eine Grünfläche: Er ist Begegnungsort, Spielplatz für Kinder, Ruheoase für Ältere und grüne Lunge des Stadtteils. Für Bewohner der umliegenden Mehrfamilienhäuser oft der einzige Ort ohne Konsumpflicht – ein „Wohnzimmer-Park" mitten im Viertel.

14. Juli 2025

Stadtvertretung beschließt Verkauf

Die Schweriner Stadtvertretung fasst mehrheitlich – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – den Beschluss, das städtische Grundstück (Flurstück 313/4, Gemarkung Lankow) an die Quarta GmbH & Co. KG zu verkaufen. Geplant ist ein Wohn- und Geschäftsgebäude mit Drogeriemarkt, Arztpraxen und Wohnungen im Wert von ca. 18 Millionen Euro.

Besonderheit: Die Stadtvertretung hatte sich zuvor darauf verständigt, künftig Flächen zu verpachten statt zu verkaufen – der Lankow-Beschluss war eine Ausnahme.
Kontroverse
14. Juli 2025 – Skandal

Kinderrechte missachtet

Bei der Sitzung räumte Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) auf Antrag des Stadtvertreters Stephan Martini (ASK) ein, dass keine Kinder- und Jugendbeteiligung stattgefunden hatte – ein Verstoß gegen das Kinder- und Jugendbeteiligungsgesetz M-V und die UN-Kinderrechtskonvention.

Von der Planung bis zur Entscheidung wurden weder Kinder aus Lankower Kitas noch Schülerinnen und Schüler aus dem Stadtteil in Werkstätten, Umfragen oder Gesprächen beteiligt – obwohl der Park primär von ihnen genutzt wird.

Skandal
30. Juli 2025

Bürgerbegehren gestartet

Eine Bürgerinitiative startet ein Bürgerbegehren gegen den Verkaufsbeschluss. Ziel: 4.000 gültige Unterschriften in nur 6 Wochen sammeln – eine extrem kurze Frist, noch dazu während der Sommer- und Urlaubszeit.

Die Initiative kritisiert:

  • Mangelhafte Bürgerbeteiligung
  • Fehlende Kinder- und Jugendbeteiligung
  • Fragwürdige Ersatzflächen (teils an vielbefahrenen Straßen)
  • Verlust von 5.000 m² zusammenhängender Grünfläche
Meilenstein
9. September 2025

Unterschriften offiziell übergeben

Die Bürgerinitiative übergibt 440 Unterschriftenlisten mit mehr als 4.000 Unterschriften an die Stadt. Die Unterzeichner kommen aus dem gesamten Stadtgebiet – Warnitz, Altstadt, Neu Zippendorf, Krebsförden und vielen weiteren Stadtteilen.

Astrid Kindl und Beghard M. Ahmed übergeben die Listen dem ersten stellvertretenden Stadtpräsidenten Daniel Meslien. Die Sammlung geht weiter bis zum 19. September.

Meilenstein
12. September 2025 – Skandal

Deutsches Kinderhilfswerk erhebt schwere Vorwürfe

Das Deutsche Kinderhilfswerk e.V. wendet sich in einem Schreiben an Innenminister Christian Pegel und erhebt massive Vorwürfe:

„Eklatanter Verstoß gegen Kinderrechte" – Der Beschluss sei ohne gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung von Kindern und ohne Kindeswohlprüfung erfolgt.

Die Organisation fordert das Innenministerium als Aufsichtsbehörde auf, den Oberbürgermeister zum Widerspruch gegen den Verkaufsbeschluss zu verpflichten. Das Ermessen der Aufsichtsbehörde sei „auf Null reduziert" – ein Einschreiten rechtlich zwingend.

Kritisiert wird auch: Das Kinder- und Jugendbeteiligungsgesetz M-V sieht keine Sanktionen vor – Rechtsbrüche bleiben folgenlos.

Skandal
22. September 2025

Bürgerbegehren erfolgreich – 4.359 gültige Unterschriften

Das Büro der Stadtvertretung bestätigt: 4.359 Unterschriften wurden anerkannt – das notwendige Quorum von 4.000 ist klar übertroffen. Insgesamt hatten 5.698 Bürgerinnen und Bürger unterschrieben (1.339 wurden als ungültig gewertet).

Die Initiative bezeichnet dies als stadtgeschichtliches Ereignis: „Noch nie hat in so kurzer Zeit eine derart große Zahl an Menschen ein kommunalpolitisches Anliegen unterstützt."

Die nächste Entscheidung liegt nun bei der Stadtvertretung am 29. September.

Meilenstein
26. September 2025

Stadt und Land erklären Bürgerbegehren für zulässig

Sowohl die Stadtverwaltung Schwerin als auch das Innenministerium M-V erklären das Bürgerbegehren für formal zulässig. Der einzige Kritikpunkt – ein zu hoher Kostendeckungsvorschlag – wird als „Übererfüllung" und damit unproblematisch bewertet.

Die Stadtvertretung steht vor der Wahl:

  • Dem Bürgerbegehren stattgeben und den Verkaufsbeschluss zurücknehmen
  • Einen Bürgerentscheid einleiten

Die Stadtverwaltung empfiehlt, einen Bürgerentscheid auf den 22. März 2026 anzusetzen (zusammen mit der OB-Wahl).

Meilenstein
10. November 2025 – Aufreger

Termin-Streit: Januartermin statt März

Die Stadtvertretung beschließt gegen die Empfehlung von Oberbürgermeister und Innenministerium, den Bürgerentscheid auf den 25. Januar 2026 zu legen – mitten im Winter als reine Briefwahl. Es müssen auf drängen der CDU 100.000 Euro extra für diesen separaten Termin ausgegeben werden.

Kontroverse: Kritiker werfen der Mehrheit vor, durch den Wintertermin die Beteiligung zu senken. Eine Beschwerde geht bei der Rechtsaufsicht ein.

Die Rechtsaufsicht prüft den Beschluss, gibt aber letztlich grünes Licht. Der Januar-Termin bleibt bestehen.

Kontroverse
19. Januar 2026

Kinder stimmen zu 93% für den Erhalt

Die Evangelische Jugend und der Schweriner Kinder- und Jugendrat führen eine Befragung durch: Von knapp 860 Kindern und Jugendlichen sprechen sich 93 Prozent für den Erhalt des Stadtteilparks aus.

Das Projekt soll das Stimmungsbild derjenigen sichtbar machen, die beim Bürgerentscheid selbst keine Stimme abgeben dürfen (unter 16 Jahre).

Meilenstein
25. Januar 2026

Historisches Ergebnis: 92,9% für den Erhalt

Der Park bleibt!

92,9%

31.629 Ja-Stimmen bei 43,6% Wahlbeteiligung

Schwerins erster Bürgerentscheid endet mit einem überwältigenden Ergebnis:

  • 78.523 Stimmberechtigte
  • 34.267 abgegebene Stimmen (43,6%)
  • 31.629 Ja-Stimmen (92,9%)
  • 2.431 Nein-Stimmen (7,1%)
  • 207 ungültige Stimmen
Quorum klar übertroffen: Benötigt wurden 19.631 Ja-Stimmen (25% der Wahlberechtigten) – erreicht wurden 31.629 Stimmen, also über 12.000 mehr als nötig!

Das Ergebnis ist für die Stadtverwaltung bindend. Der Stadtteilpark bleibt im Eigentum der Stadt und wird nicht verkauft.

Sieg

Nachwirkungen und Reaktionen

Politik reagiert

SPD-Fraktion (Mandy Pfeifer): Begrüßt das Ergebnis als „starkes Signal für gelebte Demokratie" und betont, dass sie sich frühzeitig für den Erhalt ausgesprochen habe.

Investor (Quarta GmbH): Äußert Enttäuschung und kritisiert, dass die Stadtpolitik das Projekt nicht transparent genug kommuniziert habe. Man habe erheblich investiert und auf die Beschlüsse der Stadtvertretung vertraut.

Bürgerinitiative: Feiert den Sieg als Beleg dafür, dass direkte Demokratie funktioniert und fordert mehr Bürgerbeteiligung bei künftigen Entscheidungen.

Kontroversen nach der Wahl

Ungültige Stimmen: In drei Auszählungsvorständen lag der Anteil ungültiger Stimmen bei über 4-5% (statt üblicher 0,6%). Die Wahlbehörde wurde um Aufklärung gebeten.

Spendenaktion-Streit: Stadtpräsident Sebastian Ehlers und Ortsteilvertreterin Cordula Manow starteten nach dem Entscheid eine Spendenaktion für die Sanierung des Spielplatzes (Ziel: 9.000 €). Die Bürgerinitiative kritisierte, dass sie nicht einbezogen wurde und weist darauf hin, dass der Platz laut Stadt „verkehrssicher" sei – keine Geräte seien gesperrt.

Stadtverwaltung bleibt uneinsichtig: Auch nach dem Bürgerentscheid betont die Verwaltung, die fehlende Kinder- und Jugendbeteiligung sei „in Ordnung" gewesen, da der Beschluss rechtlich nicht automatisch kippe. Kritiker sehen darin mangelnde Einsicht.

Was bleibt

Der erste Bürgerentscheid in Schwerins Geschichte hat gezeigt:

  • Direkte Demokratie funktioniert – auch bei reiner Briefwahl im Winter
  • Bürgerbeteiligung wird ernst genommen – über 40% Beteiligung ohne Urnengang
  • Kinderrechte dürfen nicht ignoriert werden – die Kritik bleibt bestehen
  • Grünflächen sind wichtig – besonders in dicht besiedelten Stadtteilen

Die Bürgerinitiative plant nun die Gründung eines Vereins, um den Park weiter zu schützen und zu gestalten. Der Stadtteilpark Lankow bleibt – als Symbol für erfolgreiche Bürgerpartizipation und als grüne Oase für alle Schwerinerinnen und Schweriner.Kontakt zur Bürgerinitiative: agenda-westmecklenburg@posteo.de / 015204466108